Die Geschichte der Tiermedizin ist so alt wie die Mensch-Tier Beziehung. Mit der Annäherung und Gebrauchmachung (Domestikation) der Tiere und die unmittelbare Beeinflußung des Menschen auf die Tierwelt ergaben sich auch entsprechende Situationen und Bedingungen, die entweder die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln betraf und damit auch eine existentielle Bedrohung abgewehrt werden musste (Seuchenausbrüche mit einer hohen Mortalitätsrate der Tiere), als auch die direkte Versorgung von verletzten oder erkrankten Tieren, sei es mit Heilkuren oder chirurgischer Art. Freilich stand immer im Vordergrund die Rehabilitation der Arbeitskraft Tier!
Neben der Arbeitskarft der Tiere wurde im Luafe der Jahrhunderte auch der strategische Einsatz der Tiere im Kreig erkannt und stand immer mehr im Focus bei der Selektion und Ausbildung der sog. Kriegs-Tiere. Historische Beispiele gibt es zuhauf und sollen zu einem späteren Zeitpunkt abgehandelt werden (z.B Kriegselefanten in den Schlachten Alexander des Großen).
Grob einteilen läßt sich die Geschichte der Tierheilkunde auch in den entsprechenden historischen Epochen, in denen sie verortet ist.
I. Die Tierheilkunde in der Antike
II. Die Tierheilkunde vom Mittelalter bis Ende des 18. Jahrhunderts
III. Die Tierheilkunde von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart
Interessant ist sicherlich auch in diesem Zusammenhang, dass ab Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Universitäten mit dem Fach Tiermedizin gegründet wurden und damit der wissenschaftliche Charakter und die Ausbildung dieses Fachgebietes hervorgehoben wird.
Bis dahin war die Tierheilkunde ein mehr oder weniger empirisches Vorgehen, das über "Versuch von Irrtum", aber auch in Verbindung einer tradionellen Volksmedizin und Phytotherapie, ebenfalls eine Berechtigung hatte Erfolg zu versprechen.
Mit wenigen Ausnahmen, wie beispielsweisse die sog. "Roßkuren" oder "Kurpfuscher" - Behandlungen, blieb die tradierte Erfahrung (vgl. dazu auch die sog. Hausväterliteratur) nach weit bis ins 19. Jahrhundert hinein ein fester Bestandteil der Tierheilkunde.
Die sog. Hausväterliteratur nimmt eine Sonderstellung ein, da es hier die Absicht war, mit einfachen und gebräuchlichen Mitteln dem Leser eine Hilfestellung im täglichen Umgang mit Krankheiten der Menschen und Tiere oder anhand bestimmter augenfälliger Situationen zu geben. So nimmt es nicht Wunder, dass sich die Rezepte an Menschen wandte, die als Hirten oder Bauern tätig waren. Es waren leicht umzusetzende Anweisungen, die entweder eine Zusammensetzung von Heilmitteln wie Pflanzen, Mineralien oder andere Stoffe erforderte oder eine direkte Manipulation am Tier verlangte. Freilichwaren diese Rezepte, dem Zeitgeist entsprechend, nicht frei von abergläubischen und religiösen Aspekten. So fanden sich auch Elemente der sog. "Dreckapotheke", die Ingredienzen wie Urin, Blut, Teile von Insekten oder anderen Tieren beinhaltete (S. Graf 2004: Ein anonymes Artzt-Buch für Menshcen und Vieh aus Oberbayern (um 1700). Materialien zur Geschichte der Volkstierheilkunde in Süddeutschland).
Fest steht, Tiere nehmen einen bedeutenden Platz in unserem täglichen Leben ein. Und das war in der Geschichte der Mensch-Tier Beziehung nicht anders. Nur der Stellenwert der Tiere verändert sich von Epoche zu Epoche. Und so schreibt Eberhard Wolf, dass "das Verhältnis von Menschen zu Tieren immer unter einer Spannung von Nähe uhnd Distanz, von Ähnlichsein und Anderssein, von Verwandtschaft und Fremdheit besteht." Und deswegen, so schreibt Wolf weiter,"nicht zuletzt deshalb war und ist diese Beziehung wie kaum eine andere mit Gefühlen besetzt." (E. Wolf (2000): verehrt - verflucht - verwertet. Die Bedeutung der Tiere für die menschliche Gesundheit. Dokumentationen der Ausstellung im Medizinhistorischen Museum der Universität Zürich. Unter Mitarbeit von Ch. Mörgeli und I. Ritzmann).
Und genau dieses aufkommende Gefühl, die Empathie für das Tier, fließt mit ein in die Geschichte der Mensch- Tier Beziehung und der Tiermedizin. Denn, mag der pragmatische Einsatz der Wiederherstellung der Gesundheit des Tieres im Vordergrund stehen, oder die Abwendung eines Seuchengeschehens, um damit den Fortbestand der Zucht-oder Lebensmittelgewinnung im Fokus haben, so ist es doch auch der Anblick eines leidenden oder verletzten Tieres, dass Empathie auslöst und zum Handel auffordert.
Die Tierheilkunde in der Antike
Seit dem Neolihikum ist die Nutzung von Tieren durch den Menschen bekannt. Die Tiere wurden neben der Lebensmittelgewinnung auch zur Herstellung von Wolle und Milch gehalten. Die Felsenbilder von Lascaux lassen nur vermuten, was für Prozeduren die Menschen des Neolithikums an den Tieren angewendet haben. Es können auch rein zeremonielle und magische Handlungen vollzogen worden sein oder auch kleinere chirurgische Eingriffe. Als wohl einer der ältesten chirurgischen Eingriffe kann die Kastration angesehen werden. Um das Jahr 2000 v. Chr. wurde in Mesopotamien einBlock aus Grünstein entdeckt, der sog. Corpus juris, eine Stele mit eingravierten Gesetzextexten. Es ist das älteste Gesetzeswerk der Welt, in der das Straf- und Zivilrecht dieser Zeit festgehalten wird und die Landwirtschaft und Zucht der gehaltenen Haustiere schützte. Zu den aufgeführten Tieren gehörte der Esel, Zugochse, Rind, Schaf und Schwein. Hunde und Katzen wurden nicht aufgeführt waren aber bekannt. Pferde und Hunde wurden bereitszur Jagd und im Krieg eingesetzt. Im Gesetzestext wird auf die Verantwortung des Tierhalters für seine Tiere eingegangen, und bestimmt die Höhe des Schadenersatzes bei Verletzungen oder völligen Verlust des Tieres. Auch werden die Bestimmungen über die Ausübung der Medizin und Veterinärmedizin im Gesetzestextes des Codex Hammurabi, wie die Stele auch genannt wird, aufgeführt. Der Historiker Emmanuel Leclainchen zitiert in seinem Artikel einen Gesetzestext mit dem § 224:
"Wenn ein Arzt für Rinder oder für Esel an einem Ochsen oder Esel eine schwere Wunde behandelt und geheilt hat, gebe der Herr des Ochsen oder Esels dem Arzt als Lohn ein Sechstel (eines Seckels)."
Man erkennt hier schon die wichtige wirtschaftliche, vielleicht auch ideelle Stellung des Tieres.
Die Tiermedizin im alten Ägypten wurde schon auf Reliefs festgehalten und zeigt zum Beispiel Tierärzte bei der Arbeit u.a. bei der Geburtshilfe am Rind. Kastrationen wurde an Stieren durchgeführt und medizinische Untersuchungen an Tieren, die für heilige Handlungen bestimmt waren (E. Leclainche (1986): Die Tierheilkunde in der Antike. In: Illustrierte Geschichte der Medizin).